In der rabbinischen Tradition findet sich die Geschichte eines jungen Flüchtlings, der in eine Stadt kommt, deren Bewohner ihn bereitwillig aufnehmen und verstecken. Dann kommen Soldaten auf der Suche nach dem Flüchtigen, doch die Bewohner der Stadt behaupten, von nichts zu wissen. Die Soldaten schöpfen Verdacht und kündigen an, dass die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt wird, wenn der Flüchtling nicht bis zum nächsten Morgen ausgeliefert wird.
Voller Angst kommen die Menschen zu ihrem Rabbi, um ihn um Rat zu fragen. Tief besorgt beginnt der Seelsorger, in der heiligen Schrift nach einer Antwort zu suchen. Die ganze Nacht liest er, ohne etwas zu finden. Da, kurz vor Sonnenaufgang, fällt sein Blick auf den Satz: «Es ist besser, dass einer für das ganze Volk stirbt, als dass alle zugrunde gehen.»
Er ist sich sicher, dass das die Antwort ist, und kommt mit dieser Auskunft zu den Stadtbewohnern. Sie sagen den Soldaten, dass der junge Mann tatsächlich bei ihnen versteckt ist, und er wird abgeführt. Sie schmeissen eine grosse Party, die ganze Stadt feiert bis tief in die Nacht, dass sie durch die Gnade Gottes gerettet wurden.
Aber der Rabbi ist nicht beruhigt. Er setzt sich noch einmal über seine Bücher. Ein Engel erscheint ihm und fragt ihn, was er für ein Problem hat. «Ich bin mir einfach noch nicht sicher, ob es richtig war, den jungen Mann auszuliefern», sagt der Rabbi. Der Engel gibt zur Antwort: «Wusstest du nicht, dass das der Messias war?»
Ungläubig schaut ihn der Rabbi an: «Wie konnte ich das wissen?» fragt er. «Hättest du dir Zeit genommen, den jungen Mann aufzusuchen und ihm in die Augen zu schauen, anstatt in den Schriften zu suchen», entgegnet der Engel, «hättest du gesehen, dass er der Messias ist.»
Richard Rohr
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